inateam image

DER SEBALDUSWEG

ÜBER DIE WUNDEN UND WUNDER DES PILGERNS

Schon lange vor Corona hat sich in mir der Wunsch entwickelt, einmal alleine pilgern zu gehen. Als dann im Mai 2020 der neue Pilgerweg mit dem Namen „Sebaldusweg – Weg der Wertschätzung“ in meiner Heimat in Oberösterreich eröffnet wurde, war mir auch klar, wo ich mir diesen Wunsch erfüllen möchte – und dass dies eher früher als später sein sollte.

Zeit findet man als unterbeschäftigte Eventmanagerin in den letzten Monaten genug – aber das Wetter sollte schließlich für eine „Schönwetter-Wander-Freundin“ wie mich auch mitspielen. Nun war es Mitte Juli soweit und ich habe das „Luxus-Package“ (man möchte es ja doch so angenehm wie möglich haben) beim Landgasthof Kirchenwirt in Großraming gebucht (mit Halbpension, Jause für unterwegs – und den Transfer vom jeweiligen Etappenziel zum Hotel und am nächsten Morgen wieder dorthin).

Frohen Mutes, hoch motiviert, mit der Sonne um die Wette strahlend und bestens gelaunt startete ich morgens zur ersten der drei Etappen (insgesamt 86 km) in Weyer. Anfangs dachte ich mir, dass ich beim „Rund um die Heimat“ Pilgern wohl vieles kennen würde, doch da habe ich mich ordentlich getäuscht. Die unterschiedlichen Blickwinkel auf die Enns, die mir gut bekannten Ortschaften und zahlreichen Berggipfel südlich von Steyr wirkten wie neu auf mich und ich war (und bin!) begeistert, in welch wunderbarer Gegend ich aufwachsen durfte.

Da Laune und Wetter hervorragend blieben, hing ich am ersten Tag noch ein paar extra Kilometer dran – in weiser Voraussicht, denn am 3. Tag waren ab dem frühen Nachmittag Gewitter angesagt. Am selbst auserkorenen Etappenziel merkte ich beim Ablegen des Rucksacks in der Laussa (sehr empfehlenswertes Café am Kirchenplatz) erst, wie müde ich war (und wie gut ein Radler schmecken kann). Mit dem Taxi beim Kirchenwirt in Großraming angekommen, stellte ich mit Entsetzen Blasen auf meinen Fußsohlen (!) fest. Ganz nach dem Motto „Erwarten Sie das Unerwartete“, denn ich hätte mit vielem gerechnet (Muskelkater, …), aber damit nicht. Trotz perfektem (und mir gut bekanntem) Schuhwerk (Dachstein Schuhe) passiert (gerade mir!) nun sowas. Jammern hilft nicht – das war mir sofort klar – und die Schuhe können auch nichts dafür (eher die zahlreichen Kilometer auf Asphalt). Besser mal eine Nacht drüber schlafen (was nach diesem Tag äußerst gut gelungen ist) und sehen, was die zweite Etappe bringt. Mit schmerzenden Sohlen marschierte ich tapfer in den zweiten Tag. Die wunderbare Gegend, die Sonne und die ersten Erkenntnisse lenkten mich von den anhaltenden Schmerzen ab. Wie war das nochmals? Unterschätzt ist man immer einen Schritt voraus? Wohl eher hab ich das Pilgern unterschätzt und der Weg war mir einen Schritt voraus. Abends ließ ich mich von meiner lieben Schwester mit zahlreichen Blasenpflastern versorgen, um „fit“ für die dritte und letzte Etappe zu sein, welche ich pünktlich (wie ich es selten bin) zum Start des ersten Gewitters abgeschlossen habe. Am letzten Tag spürte ich jeden Schritt und merkte, dass ich selten so sehr im Hier und Jetzt gewesen bin. Man konzentriert sich automatisch auf jeden einzelnen Schritt und macht diesen sehr bewusst. In Gedanken ließ ich meine Mentaltrainer-Ausbildung revue passieren … wenn man etwas wirklich will, dann schafft man es (und zwar bis ans Ziel, denn an aufgeben war nicht zu denken) – eine wundervolle Erkenntnis!

Geschafft, aber sehr glücklich genoss ich am letzten Abend noch einmal die hervorragende Verpflegung und habe meinen persönlichen „Weg der Wertschätzung“ mit vielen wertvollen Erkenntnissen abgeschlossen. Der Sebaldusweg beruht unter anderem auf 7 Werten (Aufmerksamkeit, Vertrauen, Dankbarkeit, Respekt, Liebe, Achtsamkeit, Wertschätzung), die ich im Anschluss für mich persönlich neu definiert habe:

  • Aufmerksamkeit (im Hier und Jetzt): Lebe den Moment und genieße jede Minute bewusst! Ich möchte unnötige Gedankenspiralen, Sorgen über die Zukunft und verzweifelte Multitasking-Versuche vermeiden.
  • Vertrauen (in mich selbst): Ich schaffe das, egal wie es mir geht – ich vertraue auf meine Fähigkeiten und meinen Willen.
  • Dankbarkeit: unendliche Dankbarkeit erfüllt mich, dass ich den Weg erleben darf und gehen kann (dazu muss man wissen, dass meine Mama seit ihrem 58. Lebensjahr im Rollstuhl sitzt – und sie war sehr stolz auf mich).
  • Respekt – der wunderschönen Natur gegenüber und allem, was sie für mich bereit gehalten hat (Pflanzen, Berge, Tiere, Aussichten) – und auch Respekt vor Pilgerwegen, die selbst für durchaus erfahrene Berggeher wie mich die eine oder andere Herausforderung mit sich gebracht haben.
  • Liebe – zu allen, die für mich da waren und die liebevoll an mich gedacht haben
  • Achtsamkeit – speziell gegenüber den kleinen, feinen Dingen des Lebens – mitunter die Natur mit all ihren Schönheiten, Ausblicken und Geräuschen
  • Wertschätzung – des Lebens mit all seinen Facetten

Ich kann jedem das Pilgern nur empfehlen – es ist in jedem Fall eine beeindruckende und unvergessliche Erfahrung. Mir hat es (unter anderem) noch um ein Stück bewusster gemacht, wie wertschätzend wir mit uns selbst und unserem Leben umgehen können.

Es sind die Weggabelungen, wo unsere Werte zum Ausdruck kommen.

Lass Dich nicht gehen, geh selbst!

https://www.oberoesterreich.at/oesterreich-tour/detail/430007229/sebaldusweg.html